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Abstrakte Definition für den Begriff Kunst

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Abstrakte Definition für den Begriff Kunst

Dies ist eine Wiederveröffentlichung von einem Artikel, welcher in 2002 unter der UGPL-Lizenz veröffentlicht wurde.

Der folgende Text stellt eine möglichst allgemeine, umfassende textuelle Definition des Begriffs Kunst zur Verfügung, in der sich die verschiedenen Verständnisweisen unterschiedlicher Menschen wiederspiegeln bzw. welche die verschiedenen Kunstverständnisse der Menschen erklären kann. Die Methode, die dabei benutzt wird, ist die Definition relativ zu einem anderem Begriff, die teilweise auch in der Mathematik Anwendung findet.

Denken Sie mal an Gespräche mit Ihren Freunden, an Diskussionen im Kollegenkreis oder einfach einen Artikel aus einer Zeitschrift, die Sie mal gelesen haben, wo das Wort Kunst vorkam. Fast jedes mal, wenn Sie das Wort Kunst gelesen, gehört oder benutzt haben, haben Sie auch gewusst, was Sie meinen bzw. was gemeint ist. Dass bedeutet, Sie haben für sich bereits bewusst oder unbewusst eine Definition des Begriffs Kunst getroffen.

Die Menschen sind aber alle verschieden, haben verschiedene Ausbildung und auch einen verschiedenen Lebensweg hinter sich, was dazu führt, dass jeder seine eigene, einzigartige Definition von Kunst entwickelt. Jeder versteht etwas Anderes darunter, es gibt aber eine, in der Regel, große Überschneidung bei der Definition und dem Verständnis des Begriffs, weil die Menschen sich andernfalls nicht untereinander verständigen könnten.

Hier die finden Sie die einzelnen Schritte der Definition und die Erläuterung der Definition anhand einer Prüfung und einigen Beispielen.

Definitionen

Objekt

Ein Objekt, von lateinisch objectum, ist ein Etwas (bewusst nicht näher spezifiziert), auf was sich ein menschlicher Gedanke entweder bezieht oder stützt. Dabei ist es unerheblich ob eine formale Kommunikation oder Übereinstimmung über das Objekt zwischen Individuen stattfindet.

Unter dem Begriff Objekt wird in der Regel immer etwas abstrakteres, als unter dem Begriff Gegenstand verstanden. So ist, zum Beispiel, ein Gegenstand auch immer ein Objekt, aber ein Objekt nicht immer ein Gegenstand. In einem bestimmten Kontext, z.B. je nach Sach- bzw. Fachgebiet, können verschiedene konkretere Definitionen für den Begriff getroffen werden (bitte um Verständnis, falls ich hier nicht die aktuelle bzw. korrekte Definition anführe, da ich mich nicht mit all diesen Gebieten professionell beschäftige):

Gebiet Definition
Umgangssprache: Gegenstand, mit dem etwas geschieht, "Objekt einer Handlung" oder Gegenstand eines Gedankenaustauschs.
Philosophie Gegenstand einer Tätigkeit, z. B. des Denkens; im Gegensatz zum Subjekt ist das Objekt ein passives Element.
Sprachwissenschaft Satzteil, auf den sich das Verb bezieht; objektiv, auf das Objekt bezüglich, gegenständlich, sachlich, tatsächlich.
Mathematik Terminus f&uumL;r die Bezeichnung von Elementen einer bestimmten Kategorie bzw. Gattung, z.B. einer Menge, einer Gruppe, eines topologischen Raums usw.
Programmiersprachen Eine Dateneinheit, die in einem Programm erstellt und innerhalb dessen oder auch innerhalb anderer Programme als Ganzes verarbeitet werden kann (z.B. erstellt, kopiert, verschoben, oder verändert werden kann). In objektorientierten Programmiersprachen wird diese Begriffsdefinition durch die Möglichkeit, in dieser Dateneinheit gekapselte Unterprogramme zur Manipulation des Objekts du definieren, erweitert.

Da dieser Text eine allgemeine universelle Definition von Begriffen wie Kunstobjekt und Kunst zum Ziel hat, gehen wir im weiterem auch von der universellen, abstrakten Definition eines Objekts am Anfang dieses Abschnitts aus, welche frei von jeglichem Kontext und demzufolge frei von jeglichen Fachstereotypen und Schubladen ist.

Kunstobjekt

Ein Kunstobjekt ist ein Objekt, welches bei der wahrnehmenden Person in einem abgegrenzten Zeitraum (wo sich die Meinung des Betrachters, z.B. durch einen geänderten Kontext des Objekts, nicht ändert) verschiedene, über das Verständnis über die Art des Objekts, dessen Zweckbestimmung und den Einsatz des Objekts hinausgehende, Assoziationen hervorruft.

Kunst

Die Kunst ist der Prozess bzw. die Tätigkeit der Erschaffung von Kunstobjekten.

Definitionsprüfung

Prüfen wir jetzt die getroffenen Definitionen anhand eines einfachen konkreten Beispiels. Wählen wir als Kunstobjekt einen Löffel.

Stellen wir uns zunächst einen ganz einfachen Stahllöffel vor, der so von der Produktion auf seine Funktion reduziert wird, dass er eine ganz einfache Form besitzt, keinerlei Bilder, Gravuren oder Einkärbungen trägt, sowie eine einfache monotone, für Stahl übliche, Farbe hat. Seine Form ist nicht minimalistisch oder reduziert, man erkennt immer sofort die Art des Gegenstands und seine Zweckbestimmung. So ein Löffel könnte genau so gut aus einer deutschen, wie auch amerikanischen Fabrik stammen. Welche Assoziationen oder Gedanken wird bei Ihnen so ein Löffel hervorrufen? Vermutlich keine anderen, als dass es ein Löffel ist, der aus Stahl gemacht worden ist und Nahrungsaufnahme dienen kann. Nicht mal eine Assoziation mit dem Herkunftsland kann aufkommen. Dieser Löffel ist nach der getroffenen Definition kein Kunstobjekt und dessen Herstellung keine Kunst, denn er ruft keine Assoziationen, welche "über das Verständnis über die Art des Objekts, dessen Zweckbestimmung und den Einsatz des Objekts" hinausgehen.

Versuchen wir uns jetzt einen anderen Löffel vorzustellen. Dieser Löffel ist seiner Form nach so reduziert gestaltet, dass er fast wie eine kleine Pfannenschaufel, wie ein kleines Trapez wirkt. Aus seiner Farbe lässt sich das Material nicht sofort bestimmen: es k&oumL;nnte Stahl sein, eine Legierung oder auch ein Edelmetall wie Platin oder Silber. Auf dem Griff ist ein Bild eingraviert, welches die obere Hälfte einer schönen Frau andeutet. Sie ist knapp bekleidet. Es ist nicht auszumachen, was Sie macht. Weil das Bild genauso klare Linien besitzt, wie die Form des Löffels, lässt sich vermuten, aber nicht mit Bestimmtheit, dass es aus dem westlichen Kultureinflussgebiet kommt. Die Rückseite des Löffelgriffs trägt die Initialen des Erschaffers (hier möchte ich den Begriff Kunst noch nicht in dem Mund nehmen), was evtl. auf eine Handarbeit hindeutet. Welche Assoziationen wird dieser Löffel hervorrufen? Bei mir vermutlich folgende : Löffel, Metall, Besteck, unbekanntes Metall, ungewöhnliche Form, schöne Form, Geheimnis, ein Bild, auf die Metallfläche eingraviert, eine Frau, mit wenigen Mitteln viel erzählt, Schönheit, Kunst. Dieser Löffel ist nach der getroffenen Definition ein meinen Augen, denn dass sind meine Assoziationen, ein Kunstobjekt: es hat bei mir Assoziationen hervorgerufen, welche "über das Verständnis über die Art des Objekts, dessen Zweckbestimmung und den Einsatz des Objekts" hinausgehen. Der Erschaffer des Löffels ist in meinen Augen ein Künstler.

Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Nichtkunst nach dieser Definition? Wenn man die Frage wörtlich versteht, dann ist die Antwort knapp und präzise: sie liegt im "Auge des Betrachters". Denn, es geht um die Assoziationen, die ein Objekt beim Betrachter hervorruft oder auch nicht. Wenn bei einem Menschen die Wahrnehmung aus irgendwelchen objektiven oder auch subjektiven Gründen eingeschränkt ist und er bei dem zweiten Löffel auch nur das gleiche sieht, wie bei dem ersten, dann ist für Ihn auch der zweite Löffel keine Kunst, dann ist er auch nur ein Gebrauchsgegenstand.

Warum wird in der Definition des Kunstobjekts von einem "bestimmten Zeitraum" gesprochen? Manchmal ändert sich mit der Zeit, z.B. durch neue Erfahrungen und Erlebnisse, das Verständnis des Menschen über einen bestimmten Gegenstand, über ein bestimmtes Objekt. Ich versuche es mal anhand von einem (zugegeben, ziemlich platten) Beispiel zu erklären. Nehmen wir ein Auto. Ein kleines Kind versteht darunter vielleicht nur Metall. Wenn es etwas größer wird, dann weiß es, es ist ein Auto. Für einen Teenager kann es evtl. noch ein Traum sein. Für einen Erwachsenen ist es ein Gebrauchsgegenstand. Für einen Pensionär ist das Auto womöglich ein unnötiger Luxus. Wenn einer alle gerade beschriebenen Assoziationen gleichzeitig erfährt, dann nähert sich das Auto für ihn zum Kunstgegenstand. Es ist kein Kunstgegenstand, wenn er jeden Tag einer Woche anders empfindet, weil er auf Grund von äußeren Einflüssen seine Meinung ändert. Das bedeutet, ich verstehe hier unter einem bestimmten Zeitraum einen Zeitraum, wo die Assoziationen eines Menschen sich nicht durch eigene Meinungsänderung geändert haben. Das bedeutet unter anderem auch, dass ein Objekt nicht automatisch zum Kunstobjekt wird, wenn die aktuelle gesellschaftliche Meinungsbildung oder auch Mode dieses begehrt und "schön" machen, denn dass kann sich schon morgen ändern. Allerdings spricht auch nichts dagegen, dass so was von Dauer sein kann...

Nähern wir uns jetzt der eigentlichen Definitionsprüfung. Zunächst muss die Definition standhalten, wenn man sie auf ein von der Allgemeinheit als kein Kunstobjekt empfundenes Objekt anwendet. Nehmen wir einfach Wasser. Nicht in einem Gefäß, sondern einfach nur ein Teilstück der Wassermenge, welches genau so gut aus einer Wasserleitung, einem Bach oder Fluss, oder auch einem See stammen könnte. Wenn dieses Wasser ein Kunstobjekt währe, dann müsste es "über das Verständnis über die Art des Objekts, dessen Zweckbestimmung und den Einsatz des Objekts" hinausgehende Assoziationen hervorrufen. Was es aber nicht tut. Sicherlich könnten einige sagen, dass sie dennoch andere Assoziationen empfinden. Dies wird aber vermutlich durch einen Kontext hervorgerufen, der dieses bewirkt. Dieses Wasser zusammen mit diesem Kontext als ein gemeinsames Objekt ist dann für diese Menschen ein Kunstwerk. Weil ich aber diesen Kontext nicht kenne und, selbst wenn ich ihn kennen würde, nicht unbedingt entsprechend wahrnehmen würde, ist dieses Wasser oder einfach nur Wasser für mich und kein Kunstobjekt. Da man Wasser im allgemeinem nicht herstellt ist mit diesem Objekt an sich i.d.R. auch keine Kunst verbunden.

Analyse

Folgende Fragen werden bei der Beschreibung des Begriffs Kunst auf www.wikipedia.org (endlische Version, Stand 28.10.2002) aufgeworfen:

Can somebody make art if the creation was not intended to be art?

Is art always a form of individual expression?

Will a work of art only be art once it is finished?

Diese und weitere Fragen werden wir jetzt mit Hilfe der oben getroffenen Defintion der Begriffe Kunst und Kunstobjekt beantworten.

Kann jemand Kunstobjekte erschaffen, wenn dies nicht seine ursprügliche Intention war?

Ja, ein Kunstobjekt kann auch zufällig durch menschliches Tun entstehen, muss aber im Grunde nicht einmal von Menschen geschaffen werden. Als Beispiel kann hier das Ergebnis eines Produktentwicklungsprozesses angeführt werden. Die Intention des Produktentwicklers ist hier ein Produkt zu schaffen, welches sich möglichst gut verkauft. Damit dies geschieht, muss einfach alles stimmen: Funktion, Preis, Leistung, Design, Wirkungsweise auf den Nutzer, usw. usf. Der Produktentwickler beschränkt sich meistens nur auf diese Ziele und denkt hier nicht an Kunst oder Kunstobjekte. Dennoch entstehen durch diesen Prozess hin und wieder Gegenstände, welche vielfältige, "über das Verständnis über die Art des Objekts, dessen Zweckbestimmung und den Einsatz des Objekts" hinausgehende Assoziationen hervorrufen und zum so genannten Kultobjekt avancieren. Als weiteres Beispiel kann auch ein Foto eines Pressefotografen dienen, welches manchmal per Zufall zum Kunstobjekt wird.

Ist Kunst immer eine Form individuellen Schaffens?

Nein, selbst wenn wir uns nur auf ursprünglich durch den Menschen erschaffene Objekte beschränken. Als Beispiel können wir uns ebenfalls auf den oben beschriebenen Produktentwicklungsprozess stützen, den in den allermeissten Fällen wird ein neues Produkt in einer Firmal nicht von einer, sondern von vielen Personen (Mitarbeitern) entwickelt bzw. erschaffen.

Wird ein Kunstobjekt zum Kunstobjekt nur dann, wenn es fertig ist?

Nein, ich selbst als Hobbykünstler weiss es: ein Bild kann man auch kaputt-fertig-stellen, bzw. die Skizze oder das habfertige Bild war nach eigener Meinung besser als die endgültige Version. Ein Kunstobjekt, selbst in den Augen des Erschafferns als noch nicht fertig angesehen, kann in den Augen eines fremden Betrachters als das vollendete Kunstwerk gesehen werden, welches durch weitere Arbeit nur kaputt gemacht werden kann. Wenn der Erschaffer des Kunstwerks seine Arbeit in diesem Fall einstellt, so muss das fertige Kunstobjekt als eine Gemeinschaftsleistung bezeichnen: der eine hat den Prozess der Bearbeitung des Kunstgegenstands aufrecht erhalten und der andere hat nach dem Moment gesucht, wann das Kunstwerk als vollendet angesehen werden kann. Dieses Beispiel illustriert sehr gut die Wechselwirkungen der verschienenen Fragestellungen, bzw. dessen Zusammenhang: siehe vorherige und nächste Frage.

Ist ein Kunstobjekt immer etwas vom Menschen schöpferisch Hervorgebrachte?

Nein, die Definition des Kunstobjektes beschränkt diese nicht auf von Menschen geschaffene Objekte. Dies können, zum Beispiel, auch vom Computer generierte Bilder, Texte, Töne, Musik sein sowie einfach durch Natur erschaffene Gegenstände. Wichtig ist lediglich, dass diese Objekte oder Gegenstände Assoziationen hervorrufen, welche "über das Verständnis über die Art des Objekts, dessen Zweckbestimmung und den Einsatz des Objekts" hinausgehen. Schwierig ist hier die Interpretation des Begriffs Kunst nach unserer Definition. Wie definiert sich hier "der Prozess bzw. die Tätigkeit der Erschaffung von Kunstobjekten", welche schon durch die Natur erschaffen sind? Hier muss der Prozess des Findens solcher Objekte bzw. Gegenstände als Kunst bezeichnet werden.

Ist ein Kunstobjekt durch eine Funktion eindeutig festgelegt, erschöpft er sich darin?

Nein, dies ergibt sich direkt aus der Definition des Kunstobjektes: es ruft Assoziationen hervor, welche "über das Verständnis über die Art des Objekts, dessen Zweckbestimmung und den Einsatz des Objekts" hinausgehen. Wenn man die Frage auf einer einfacheren Ebene bzw. etwas direkter oder platter versteht: "Muss ein Kunstobjekt immer die Funktion erfüllen, welche sein ursprünglicher Erschaffer vorbestimmt hatte?". Auch in diesem Fall nein, denn ein altes Telefon kann heute im Museum stehen und von den Museumsbesuchern als Kunstobjekt angesehen werden. Hier ist das Telefon vom Informationsübermittlungsgerät zum Inromationsträger (wegen der oben vielfach erwähnten Assoziationen) geworden.

Wie kann eine Abgrenzung zwischen Kunst, Kunstobjekten und dem Kunsthandwerk erfolgen?

Dies ist die schwierigste Fragestellung von allen. Diese Frage berührt auch das Beispiel mit dem Produktentwicklungsprozess zu der ersten Frage.

Basiert der ästhetische Wert eines Kunstwerkes immer auf gesellschaftlicher Übereinkunft bzw. beruht er auf einem Bruch derselben?

Ja, wenn wir zwischen objektiven und subjektiven Wert eines Kunstobjektes unterscheiden würden und auf den wie folgt Definierten objektiven Wert stützen würden.

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